Zum Sterben geboren
 

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ISBN 978-3-86634-017-6 Hardcover
Preis: 19,50 Euro 306 Seiten, 20,2 x 14,5 cm
www.projekte-verlag.de

Lisa
Zum Sterben geboren
Biographien – Zeitzeugen-Berichte

Ich hatte es nicht mehr für möglich gehalten, ich bin doch noch einmal schwanger.
Einerseits ein Grund zur Freude, andererseits ist es eine Risikoschwangerschaft,ein Umzug steht bevor und mein Vater liegt im Sterben.
Gerade zwei Tage im neuen Heim folgen viele Wochen im Krankenhaus. Eine Entbindungsstation kämpft mit mir und meiner Familie um unser Ungeborenes. Kaum einer hat es wohl für möglich gehalten, dass wir es bis zur 29. Schwangerschaftswoche schaffen würden. Dann eine schnelle Verlegung in ein großes Klinikum mit Frühgeborenenstation – zum Wohl unseres Kindes. Ein Fehler? Binnen weniger Stunden wird dort alles zerstört, wofür wir gekämpft haben. Tragische Stunden und Wochen folgen, unbegreiflich für uns alle.
Was war geschehen? Wer trägt die Schuld? Fragen über Fragen, die auf ihre Beantwortung warten. Ein Rechtsanwalt wird eingeschaltet, die Unterlagen aus dem Klinikum angefordert und es beginnt
ein zäher Kampf um Gerechtigkeit – und ein langer Weg des Trauerns.

Februar 1997 - In der Schwangerschaft ...


Es ist schon dunkel, als wir das Krankenhaus betreten und an der Anmeldung nach der Entbindungsstation fragen. Bis ganz nach oben müssen wir. Es sind nur drei Etagen, doch diese kommen mir endlos vor. Wie eine alte gebrochene Frau versuche ich Stufe für Stufe zu bewältigen. Wir klingeln und werden eingelassen. Eine zierliche junge Schwester lässt uns herein. Sie ist nett und führt uns zu einem Raum, der wohl ein Aufenthaltsraum sein muss. Was uns sofort auffällt, die Station macht einen unwahrscheinlich sauberen und wohnlichen Eindruck. Ich sitze nicht lange und werde von einer freundlichen Frau, die sich als Hebamme vorstellt, zu einem anderen Raum gebracht. Mein Mann und mein Sohn verabschieden sich von mir. Die Hebamme erzählt mir, dass im Moment viel hier los sei und sie noch einmal zu einer eben erst entbundenen Mutter sehen müsse. Der Chefarzt sei jedoch schon gerufen worden. Ich sitze allein im Zimmer. Neben mir ein Schreibtisch, vor mir eine Liege mit einem CTG-Gerät. Sie hat die Tür offen gelassen und ich höre, wie sie sanft mit einer Patientin redet. Dafür, dass hier viel los sein soll, ist es verdammt ruhig. Sogar die Babys scheinen zu schlafen. Die Hebamme kommt wieder herein und hilft mir, mich auf die Liege zu legen. Sie nimmt meine Daten auf und beginnt ein Gespräch. Ich erzähle ihr von dem Umzug und von den vielen Schwierigkeiten. Es ist, als würde ich alles einer alten Freundin erzählen. Sie macht auf mich einen vertrauenserweckenden Eindruck und ich bin froh, dass sie bei mir ist und ich mit jemandem reden kann. Sie hört die Eingangstür und teilt mir mit, dass wäre der Chefarzt, der sehr nett ist. Augenblicklich sehe ich in meinen Gedanken ein Bild eines Arztes entstehen. Ich habe Angst. Ich bemerke, dass ich zittere. Ist mir kalt oder ist es die Angst? Ich wünsche mir, dass auch der Arzt so nett ist, wie Schwester und Hebamme. Als der Chefarzt das Zimmer betritt, bleibt mir fast das Herz stehen. Ein Schreck durchfährt meine Glieder. Vor mir steht ein Mann, groß, stark und gewaltig aussehend wie ein Hüne. Er stellt sich als Chefarzt Dr. Baum vor und begrüßt mich, als würde er mich schon lange kennen. Dem Alter nach könnte er mein Vater sein. Dr. Baum. untersucht mich und dann sitze ich neben ihm auf einem Stuhl in mich zusammengesunken. Er redet und redet. Ab und an wird mir eine Frage gestellt. Ich bekomme zu hören, dass er mir von Anfang an von einer zweiten Schwangerschaft abgeraten hätte. Und dass die Cerclage bei ihm schon lange nicht mehr gemacht wird, weil sie nicht den Nutzen bringt. Und dass meine Chancen nicht gut stünden. Und dass er vorschlägt, mir noch ein Pessar einzusetzen. Und das ich die restliche Zeit der Schwangerschaft im Krankenhaus verbringen müsse, viel liegen, keine Anstrengungen. Ich muss ihn total verzweifelt ansehen. Aber mein Sohn hat es doch auch geschafft, obwohl er in der 28. Schwangerschaftswoche geboren ist? Und warum hat man mir nach dieser Schwangerschaft nichts von einer Zervixinsuffizienz gesagt, obwohl ich doch immerzu gefragt habe, wieso es zu einer Frühgeburt kam? Warum habe ich dann all die Jahre hindurch krampfhaft versucht, erneut schwanger zu werden, habe eine Sterilitätsbehandlung mitgemacht, hatte die Fehlgeburt und war manchmal am Ende meiner Kräfte, weil alles nicht klappte? Dann hätte ich mir das ja alles sparen können? Und warum habe ich eine Woche im Krankenhaus gelegen, weil eine Cerclage angeblich das Richtige sein sollte, um mir und meinem Baby zu helfen?
Er erwidert, dass ich mit meinem Sohn ein verdammtes Glück gehabt habe und ich nun das Gleiche wieder erwarte. Aber das alles kann auch schief gehen, das dürfe ich nicht vergessen. Man sollte das Glück nicht ein zweites Mal herausfordern.
Seine Worte treffen mich wie Schläge. Es fällt mir schwer, ihm gedanklich zu folgen. Was verlange ich denn? Ich sehne mich nach noch einem Kind. Ist das zuviel verlangt? Warum soll dann alles so gut wie verkehrt sein, was ich bisher getan habe?
Wie ein Häufchen Unglück sitze ich neben ihm, versuche aufkommende Tränen hinunterzuschlucken. Auch wenn der Arzt neben mir im Vergleich zu den Ärzten des Krankenhauses von Grünlingen einen eher sympathischen Eindruck macht, auch wenn alles stimmen mag, was er mir erzählt, ich will es nicht hören. Was will ich überhaupt? Ein Kind? Ich bin müde, kaputt, am Ende meiner Kräfte. Bevor ich das Untersuchungszimmer verlasse, schaut mich der Chefarzt noch einmal besorgt an und sagt einen Satz, den ich von ihm die nächsten Wochen noch oft zu hören bekomme: „Sie sind ein gebrandmarktes Kind!“
Die Schwester von vorhin erscheint wieder und führt mich in mein Zimmer. Das Zimmer, das nun für viele Wochen mein „Zuhause” werden soll. Sie zeigt mir mein Bett und bittet mich noch einmal hinaus, um mir Küche, Toiletten und Duschen zu zeigen.
Nun liege ich schon wieder nicht in meinem Bett in meinem Zuhause. Ich liege in einem Zweibettzimmer im Krankenhaus von Fallerhausen. Die zweite Patientin ist eine junge Frau, die vor ein paar Stunden einen Jungen entbunden hat und nun erschöpft eingeschlafen ist. Die Glückliche! Nur ich schlafe nicht. Tränen laufen mir über die Wangen und ich schluchze. Das ist er nun, der Neuanfang. Ich bin wütend auf alles. Ja, ich bin sogar wütend auf mein Baby in mir. Das alles ist zuviel. Wie lange werde ich es ertragen? Wie lange kann ein Mensch so etwas ertragen?
...

Mai 1997 - Katja ist tot ...

...
Langsam lichtet sich der Schleier vor meinen Augen. Ich fühle mich wie an das Bett gefesselt. Wo liege ich hier. Ich bin so wahnsinnig müde. Wieder sinke ich in einen leichten Aufwachschlaf, bis ich erneut versuche, meine Umwelt wahrzunehmen. Was ist passiert? Es fällt mir schwer, meine Gedanken zu ordnen, in die richtige Reihenfolge zu bringen. Mein Mann, wo ist mein Mann?
Erst jetzt bemerke ich ein leises Summen, nein es sind verschiedene Summtöne. Ich sehe die vielen Geräte um mich herum. Ich sehe die Kanüle in meinem Arm, die vielen Infusionsflaschen am Ständer, daneben einen Beutel mit einer roten Flüssigkeit. An meinem rechten Arm ist ein automatischer Blutdruckmesser angebracht, der sich in Abständen aufpumpt, anhält und mit einem pustenden Geräusch die Luft wieder herauslässt. Durch die Nase erhalte ich Sauerstoff. Mein Unterleib fühlt sich wie ein Zementsack an, aber ich spüre überhaupt keine Schmerzen.
Hatte ich einen Kaiserschnitt? Meine Tochter? Wo ist meine Tochter? Warum kommt niemand und beglückwünscht mich zu meinem Baby? Warum bringt man es mir nicht?
Wieder falle ich in einen schlafähnlichen Zustand. Als ich aufwache sehe ich eine Schwester an meinem Bett. Leise versuche ich ihr beizubringen, dass ich den Kinderarzt sprechen will. Ja, sie nickt.
Nein, man kann mir mein Baby ja gar nicht bringen, weil mein kleines Mädchen viel zu früh das Licht der Welt erblickte. Sie wird auf der Frühgeburtenstation liegen, warm und gut aufgehoben in einem Inkubator. Warum ist mir das nicht gleich eingefallen.
Warum lassen sie mich so lange warten? Wann kommt der Kinderarzt um mir von meiner Katja zu berichten? Warum spricht überhaupt niemand mit mir? Wieder erscheint die Schwester, die jedoch diesmal nicht zu mir kommt. Ich bekomme mit, dass ich nicht allein im Zimmer liege. Mir gegenüber stehen zwei Betten, neben mir ebenfalls eins. Alle drei sind wie ich von Apparaten umgeben. Noch einmal bitte ich die Schwester zu mir. Das sprechen fällt mir schwer, als würde sich in meinem Hals ein dicker Kloß befinden. Das Schlucken tut weh. Sie fragt mich, ob ich Schmerzen hätte. Nein, ich möchte nur den Kinderarzt sprechen, warum kommt er nicht?
Endlich, die Tür geht auf und eine Ärztin im weißen Kittel erscheint und kommt auf mein Bett zu. Sie ist keine Kinderärztin, ich kenne sie von der Entbindungsstation. Sie beugt sich zu mir herunter, um nicht laut sprechen zu müssen und stellt sich als Frau Feld vor. Sie hat eine traurige Nachricht für mich. Mein Baby, ein kleines Mädchen, ist tot. Es tue ihr leid. Ich müsste mich entscheiden, ob ich sie sehen und ob ich eine Obduktion möchte. So leise, wie sie zu mir ans Bett kam, verlässt sie auch wieder den Raum.
Nein, das stimmt nicht. Mein kleines Mädchen ist nicht tot. Es lebt. Ganz bestimmt lebt es und liegt auf der Frühgeburtenstation. Noch vor ein paar Stunden hat es in meinem Bauch gestrampelt. Ich habe die Herztöne laut und deutlich gehört. Die Ärztin muss sich irren. Mein kleines Mädchen muss leben!
Habe ich schon wieder geschlafen? Mein Herz schmerzt. Das Atmen fällt mir schwer. Drückt mir jemand die Brust ab? Habe ich geträumt, dass mein kleines Mädchen tot sein soll? Wo ist mein Mann? Warum ist er nicht bei mir?
Eine junge Frau erscheint und kommt zu mir an das Bett. Sie stellt sich als Hebamme vor, drückt ihr Beileid aus, es tue ihr sehr leid. Aber auch wenn mein kleines Baby nicht überlebt hat, möchte sie gern den Namen wissen. Ich starre sie erschrocken an. Nein, es war kein Traum. Mein Mädchen ist tot. Mein Mädchen liegt nicht wohl behütet auf der Frühgeburtenstation. Ich hauche der jungen Frau neben mir den Namen entgegen: „Katja“. Die Hebamme drückt meine Hand und ist wieder verschwunden.
Kein Traum! Die Wahrheit ist: Mein Mädchen ist tot! Nein!
Ich fühle mich plötzlich wie eine leere Hülle. Müsste ich nicht laut los schreien? Müsste ich nicht weinen? Beides gelingt mir nicht. Nicht eine Träne kullert meine Wangen herab. Es ist wie ein böser Alptraum. Wenn es doch nur einer wäre. Dann würde ich irgendwann schweißgebadet aufwachen und mich freuen, dass ja alles nur geträumt war. Aber das hier ist die Wirklichkeit. Aber was ist denn passiert? Mein Mädchen hat doch vor ein paar Stunden noch gelebt? Warum ist mein Mann nicht mehr bei mir? Der wird mir sagen, dass alles nur ein Missverständnis ist, dass man sich geirrt hat. Nicht mein Mädchen ist tot. Es ist ein anderes. Ich bin so furchtbar müde. Ich möchte schlafen. Schlafen. Schlafen.
...

Mai 1998 - Ein Jahr danach ...

...
Morgen wird unsere Katja ein Jahr alt. Wir werden sie am Grab besuchen. Ich habe einen hübschen Rosenstrauß binden lassen. Und ich bin furchtbar aufgeregt. Zuvor werde ich bei der Mutter meinen Geburtstag mit den Geschwistern, Schwiegereltern und meiner Oma feiern. Sie freuen sich alle, mich zu sehen und eigentlich ist es eine schöne Feier. Doch niemand bemerkt, wie ich mit zunehmender Stunde trauriger werde. Ein schlechtes Gewissen will aufkommen. Wie kannst du hier sitzen und feiern, wenn du morgen am Grab deiner Tochter stehst, die es nicht geschafft hat? Ich kann nicht mehr und verabschiede mich zeitig, um mein Bett aufzusuchen. Nein, das werde ich nicht wieder tun. So eine Feier wird nicht mehr stattfinden.
In der Nacht habe ich einen wunderschönen Traum. Meine Katja steht selbst vor ihrem Grab mit einem kleinen Blumenstrauß. Sie trägt weiße Strumpfhosen über ihren zarten Beinchen und darüber ein wunderschönes rosa Spitzenkleid. Diesmal hat sie ein Gesicht und der kleine Mund lächelt. Es ist mein Gesicht und mein Lächeln, das ich als kleines Mädchen hatte und von Fotos her kenne. Im Traum nehme ich mein Mädchen in die Arme und wir drehen uns im Kreis und dabei fliegen ihre Beinchen in die Höhe und sie jauchzt vor Freude. Ich wünschte, der Traum würde nie enden!
Es ist ein sonniger Morgen. Mit dem Blumenstrauß stehe ich vor Katjas Grab. Ich fühle mich völlig kraftlos. Tränen rinnen über meine Wangen, mein Mann versucht mich zu trösten. Und noch etwas passiert. Mein Unterleib beginnt zu schmerzen. Es ist, als hätte ich eine offene Wunde und alles wäre erst heute passiert. Wieder um Jahre gealtert verlasse ich den Friedhof.
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